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HIV
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Mit Humanes Immundefizienz-Virus (englisch Human immunoÂdeficiency virus), zumeist abgekĂŒrzt als HIV (auch HI-Virus) oder auch Menschliches ImmunschwĂ€che-Virus werden zwei Viren aus unterÂschiedÂlichen Spezies (Arten) Lentivirus humimdef1 und Lentivirus humimdef2 der Gattung Lentivirus (Lentiviren) bezeichnet. Diese Gattung behĂŒllter Viren gehört der Familie Retroviridae (Retroviren) an.cite-ref-ictv-vmr-2-0[2]cite-ref-ictv-hist-3-0[3] Von beiden Viren sind jeweils eine Reihe von Subtypen und Isolaten bekannt, von HIV-2 u. a. die Isolate BEN und NWK08.cite-ref-4[4]cite-ref-5[5]
Eine unbehandelte HIV-Infektion fĂŒhrt nach einer unterschiedlich langen, meist mehrjĂ€hrigen symptomfreien Latenzphase in der Regel zu AIDS (englisch acquired immunodeficiency syndrome âerworbenes ImmunÂdefizienzÂsyndromâ).
Die Verbreitung des im Vergleich etwa zu Grippeviren schwer ĂŒberÂtragÂbarencite-ref-6[6] HIV hat sich seit Anfang der 1980er Jahre zu einer Pandemie entwickelt, die nach SchĂ€tzungen des Gemeinsamen Programms der Vereinten Nationen fĂŒr HIV/Aids (UNAIDS) bisher mindestens ca. 42 Millionen Menschenleben gefordert hat.cite-ref-3-7-0[7]
Ende 2023 waren geschĂ€tzt 40 Millionen Menschen weltweit mit HIV infiziert, bei etwa gleichmĂ€Ăiger Verteilung auf beide Geschlechter.cite-ref-3-7-1[7] In Deutschland lebten Ende 2023 96.700 Menschen mit einer HIV-Infektion,cite-ref-5-8-0[8] in Ăsterreich 2020 etwa 9.000 infizierte Menschencite-ref-9[9] und in der Schweiz 2021 etwa 17.000 HIV-Infiziertecite-ref-10[10].
Contents
âą Geschichte
âą Epidemiologie
âą Weltweit
âą In Deutschland
âą Ăbertragung
âą PCR
âą Behandlung
âą Prophylaxe
âą Meldepflicht
âą Impfempfehlungen
âą Siehe auch
âą Literatur
âą Leitlinien
âą Sonstiges
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Struktur und Aufbau des HI-Virus
Das Viruspartikel (Virion) hat einen Durchmesser von etwa 100 bis 120 Nanometer und ist damit fĂŒr ein Virus ĂŒberdurchschnittlich groĂ, jedoch deutlich kleiner als zum Beispiel Erythrozyten (Durchmesser 7500 Nanometer). Umgeben ist das umgangssprachlich auch als âAIDS-Virusâ bezeichnete HIV von einer Lipiddoppelschicht, die bei der Knospung von der menschlichen Wirtszelle abgetrennt wurde.cite-ref-6-11-0[11] Dementsprechend befinden sich verschiedene Membranproteine der Wirtszelle in der VirushĂŒlle, beispielsweise HLA-Klasse-I- und -II-MolekĂŒle sowie ZelladhĂ€sionsmolekĂŒle.
Ebenfalls eingebettet in diese HĂŒlle sind pro Virion etwa 12 bis 16 sogenannte Spikes (dt. âDornenâ), ca. zehn Nanometer groĂe virale Glykoproteinkomplexe (envelope, Env); die Dichte der Spikes ist somit recht niedrig, hĂ€tten doch 73 ± 25 dieser FortsĂ€tze auf der OberflĂ€che eines HIV-Partikels Platz. Ein HIV-Spike ist ein HeteroÂdimer und besteht daher aus zwei Untereinheiten: Je drei MolekĂŒle des externen OberflĂ€chen-(englisch surface)-Glykoproteins gp120 sind nicht-kovalent an drei MolekĂŒle des transmembranen HĂŒll-(englisch envelope)-Glykoproteins gp41 gebunden.cite-ref-12[12]cite-ref-13[13]cite-ref-14[14] Die Bezeichnungen spiegeln deren MolekĂŒlmasse in Kilodalton wider.cite-ref-6-11-1[11] Gp120 ist fĂŒr die Bindung des Virus an die CD4-Rezeptoren der Zielzellen von entscheidender Bedeutung.
Mit der Innenseite der Membran sind die durch gag codierten Matrixproteine p17 assoziiert. Im Inneren des Virions findet sich das Viruskapsid, das aus den durch gag codierten Kapsidproteinen p24 aufgebaut ist, deren Struktur schrittweise 1996cite-ref-15[15] und 1997cite-ref-16[16] aufgeklĂ€rt wurde. Das Kapsid besteht aus etwa 1500 Kapsidproteinen und nimmt dabei eine Fulleren-Ă€hnliche, konische Struktur ein, dieses Strukturmodell wurde erstmals 1999 vorgeschlagen.cite-ref-17[17] 2013 wurde mittels Kryoelektronenmikroskopie die dreidimensionale Struktur mit einer Auflösung von 8 Ă
abgebildet.cite-ref-18[18] p24 formen mit etwa 250 Hexameren und genau 12 Pentameren das Kapsid.cite-ref-19[19]cite-ref-20[20]
Im Kapsid findet sich, an die durch gag codierten Nukleokapsidproteine assoziiert, das virale Genom (9,2 kb) in Form zweier Kopien der einzelstrĂ€ngigen RNA. Die Nukleokapsidproteine haben die Aufgabe, die RNA nach Eindringen in die Wirtszelle vor Degradierung zu schĂŒtzen. Ebenso befinden sich im Kapsid die Enzyme reverse Transkriptase (RT), Integrase sowie einige der akzessorischen Proteine. Die Protease ist maĂgeblich beteiligt an der Partikelbildung und findet sich daher im gesamten Viruspartikel. Das Kapsidprotein p24 kann als Antigen in HIV-Tests der vierten Generation nachgewiesen werden.
Das HIV gehört zu den komplexen Retroviren, das heiĂt, die Viren besitzen neben den kanonischen retroviralen Genen gag (gruppenspezifisches Antigen), pol (Polymerase) und env (envelope) weitere Leseraster, namentlich tat und rev (fĂŒr regulatorische Prozesse) sowie vif, vpu, vpr und nef (fĂŒr akzessorische Prozesse).cite-ref-6-11-2[11] Durch die teils ĂŒberlappenden offenen Leseraster können trotz der geringen GenomgröĂe (ca. 9.700 bp)cite-ref-21[21] neun verschiedene Proteine kodiert werden.cite-ref-6-11-3[11] Sogenannte LTR-Regionen (Long Terminal Repeat) befinden sich am 5'- und 3'-Ende, die u. a. die Transkription und Integration ins Wirtsgenom regulieren.
Das gag-Gen kodiert fĂŒr die Strukturproteine p24, p17, p7 und p6, env fĂŒr die OberflĂ€chenproteine gp120 und gp41. Die Reverse Transkriptase, die HIV-Protease sowie die Integrase finden ihren Ursprung in pol.
FĂŒr die regulatorische Prozesse ist tat fĂŒr die Initiierung der Transkription und rev neben der Bindung an das HIV Rev Response Element des Genoms (RRE) am Export viraler mRNA aus dem Zellkern in das Cytoplasma beteiligt.cite-ref-6-11-4[11]
Die Expression verschiedene Rezeptoren und Antigene (zum Beispiel CD4, CD8, CD28, CD3, SERINC3/5, Tetherin und HLA-Klasse-I-Antigene) wird bei HIV-infizierten Zellen mittels nef herunterreguliert. Dies hat zur Folge, dass das Immunsystem solche Zellen schlechter erkennen und damit bekĂ€mpfen kann. AuĂerdem erhöht es die Replikationsrate von HIV in diesen befallenen Zellen, was die InfektiositĂ€t steigert.
Die antivirale AktivitĂ€t von APOBEC3G wird durch vif beeintrĂ€chtigt; APOBEC3G verursacht Mutationen in der viralen RNA und schĂ€digt diese, es handelt sich um ein Element des Immunsystems zur Abwehr von Retrovirus-Infektionen. Vpr vermittelt den Transport des viralen Genoms in den Zellkern. Tetherin wird schlieĂlich durch vpu gehemmt, infolgedessen werden gereifte Viren besser freigesetzt. AuĂerdem baut vpu CD4-gp120-Komplexe ab, wodurch env-Proteine freigesetzt werden, welche fĂŒr Virionen benötigt werden.cite-ref-6-11-5[11]
HIV-1 und HIV-2 haben eine RNA-IdentitÀt von 50 %.cite-ref-6-11-6[11]
Geschichte
HIV ist die vom International Committee on Taxonomy of Viruses (ICTV) 1986 empfohlene Bezeichnung. Es ersetzt die ehemaligen Benennungen wie Lymphadenopathie-assoziiertes Virus (LAV), humanes T-Zell-LeukÀmie-Virus III (HTLV-III) oder AIDS-assoziiertes Retrovirus (ARV).cite-ref-22[22]
HIV Typ 1 wurde 1983 zum ersten Mal von Luc Montagnier, Françoise BarrĂ©-Sinoussi und Mitarbeitern vom Institut Pasteur in Paris beschriebencite-ref-23[23] und bereits im Juni 1983 behandelte der Spiegel in seiner Titelgeschichte HIV (âDie tödliche Seuche Aidsâ).
In derselben Ausgabe des Journals Science veröffentlichte Robert Gallo, der Leiter des Tumorvirus-Labors am NIH in Bethesda, ebenfalls die Entdeckung eines Virus, das seiner Meinung nach AIDS auslösen könnte.cite-ref-24[24] Er beschrieb in dieser Veröffentlichung jedoch die Isolierung von Humanen T-Zell-LeukÀmie-Viren Typ I (HTLV-1; kurze Zeit spÀter auch von HTLV-2) bei AIDS-Patienten, die in seinen Proben zufÀllig neben dem HI-Virus vorlagen, und isolierte erst etwa ein Jahr spÀter auch das HI-Virus. In einer Pressekonferenz mit der damaligen Gesundheitsministerin der Vereinigten Staaten, Margaret Heckler, gab er am 23. April 1984 öffentlich bekannt, dass AIDS durch ein Virus ausgelöst werde, das er entdeckt habe.cite-ref-25[25]
Sowohl Montagnier als auch Gallo beanspruchten jeweils die Erstentdeckung fĂŒr sich. Daraufhin folgte ein jahrelanger Rechtsstreit, bei dem es auch um das Patent fĂŒr den neu entwickelten HIV-Test ging. 1986 wurde HIV-2 entdeckt.
Die beiden Forscher BarrĂ©-Sinoussi und Montagnier wurden 2008 fĂŒr die Entdeckung des HI-Virus mit dem Nobelpreis fĂŒr Medizin ausgezeichnet.cite-ref-26[26] Die Tatsache, dass Gallo dabei nicht berĂŒcksichtigt wurde, stieĂ zum Teil auf Kritik in der Virologen-Gemeinde.cite-ref-27[27]cite-ref-28[28]cite-ref-29[29]
Im Mai 2005 gelang einem internationalen Forscherteam erstmals der Nachweis, dass der Ursprung von HIV beim Affen liegt. Das Forscherteam nahm dazu in der Wildnis des zentralafrikanischen Kamerun 446 Kotproben freilebender Schimpansen. Etliche Proben wiesen Antikörper gegen Simianes Immundefizienz-Virus (kurz SIV; englisch Simian Immunodeficiency Virus) auf, die Schimpansenversion des HI-Virus, wie das Team im US-Fachjournal Science veröffentlichte. Zwölf Proben waren fast identisch mit dem HIV-1 bei Menschen. Das Team betonte, dass die Antikörper zuvor nur bei Schimpansen in Gefangenschaft nachgewiesen wurden. UrsprĂŒngliche Quelle des HI-Virus sind die Schimpansen jedoch nicht. Sie sollen sich im westlichen Zentralafrika mit SIV oder einem VorlĂ€ufer dieses Virus bei anderen Affenarten infiziert haben. Etwa zu Beginn des 20. Jahrhunderts infizierten sich erstmals Menschen mit dem SIV, das anschlieĂend in deren Organismen zum AIDS verursachenden HIV mutiert ist. Damit hat das Virus bereits mindestens zweimal die Artengrenze ĂŒbersprungen, nĂ€mlich vom Affen zum Menschenaffen und anschlieĂend zum Menschen. Wie das Virus auf den Menschen ĂŒbertragen wurde, ist unklar. Man geht davon aus, dass JĂ€ger, die Affen gejagt und verspeist haben, mit dem Virus erstmals infiziert wurden, etwa durch kleinere offene Wunden.cite-ref-kolonialzeit-30-0[30]cite-ref-31[31]
Eine andere These war, dass ein Impfstoff gegen Poliomyelitis (KinderlĂ€hmung) im Jahre 1959 durch Affen, die das Virus trugen, verunreinigt worden sei (siehe auch Kontroverse um die Entstehung von AIDS). Nach dieser These wurden im ehemaligen Belgisch-Kongo Schimpansennieren zur Vermehrung des Impfstoffes verwendet und anschlieĂend hunderttausende Menschen durch eine Schluckimpfung geimpft, wodurch SIV auf den Menschen ĂŒbertragen worden und zum HIV mutiert sei.cite-ref-32[32]cite-ref-33[33]cite-ref-34[34] Allerdings zeigte eine Analyse der Mutationen, dass mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit der Ursprung des Stammes HIV-1 vor das Jahr 1930 zu datieren ist.cite-ref-35[35] Im Februar 2000 wurde eine Probe der verteilten Schluckimpfungen gefunden und untersucht. Darin zeigten sich weder Spuren von HIV noch von SIV.cite-ref-36[36]
Der Ă€lteste Infizierte, dessen HIV-Infektion anhand von Blutproben gesichert nachgewiesen wurde, stammt aus Belgisch-Kongo und aus dem Jahr 1959.cite-ref-faz-13189048-37-0[37]cite-ref-pmid9468138-38-0[38] In der Erstveröffentlichung zu dieser Serumprobe wurde allerdings angegeben, dass die Herkunft der Probe nicht sicher geklĂ€rt sei,cite-ref-pmid-2872424-39-0[39] so ist es auch möglich, dass sich im damaligen Französisch-Ăquatorialafrika erstmals ein Mensch infizierte.cite-ref-kolonialzeit-30-1[30] Eine fast gleich alte DNA-Paraffin-Probe aus dem Jahre 1960, die ebenfalls aus Belgisch-Kongo stammt, unterscheidet sich genetisch deutlich von der ersten Probe, was darauf hindeutet, dass HIV schon lange vor 1960 in Afrika prĂ€sent war.cite-ref-pmid-18833279-40-0[40] Mittels statistischer Analysen (sogenannte molekulare Uhr) lĂ€sst sich das Zeitfenster fĂŒr das Erstauftreten mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die Jahre zwischen 1902 und 1921 eingrenzen.cite-ref-pmid-18833279-40-1[40]cite-ref-41[41] In der Zeit wurden Afrikaner, die u. a. als Arbeiter und TrĂ€ger fĂŒr Rohstoffe dienten, von den belgischen Kolonialherren im Kongo gegen die Schlafkrankheit behandelt. Dazu wurden nicht desinfizierte und daher mit HIV infizierte Spritzen fĂŒr mehrere Personen verwendet. DarĂŒber hinaus kamen zu eher schlechten medizinischen und hygienischen VerhĂ€ltnissen neu eingeschleppte Krankheiten (u. a. Syphilis aus Europa), welche die Bevölkerung zusĂ€tzlich schwĂ€chten und anfĂ€llig machten. Die TrĂ€gerkolonnen könnten zudem dazu beigetragen haben, den HI-Virus aus dem Landesinneren an die KĂŒste zu bringen, sodass er von dort weiter verbreitet werden konnte.cite-ref-kolonialzeit-30-2[30]
Wann HIV erstmals in den USA, also am Ausgangspunkt der AIDS-Pandemie auftrat, ist seit langem Forschungsgegenstand mit unterschiedlichen, teilweise kontroversen Resultaten. Bereits 1968 wurden an dem Patienten Robert Rayford AIDS-Ă€hnliche Symptome beobachtet und spĂ€ter als HIV identifiziert. Es konnte jedoch nicht eindeutig nachgewiesen werden, dass es sich dabei um das heute zirkulierende HIV handelte.cite-ref-42[42]cite-ref-43[43] Einer aktuellen Arbeit von 2016 zufolge soll das Virus (HIV-1 Subtyp B) geschĂ€tzt 1967 von Afrika nach Haiti und von dort aus etwa um 1971 in die USA gelangt sein, wobei nachgewiesen wurde, dass der lange Zeit fĂŒr Patient Zero gehaltene GaĂ«tan Dugas nicht der erste infizierte Mensch in Nordamerika gewesen sein kann.cite-ref-44[44] Die Angaben beziehen sich auf phylogenetische Extrapolationen. Die frĂŒhesten serologischen Nachweise finden sich in Proben aus San Franciscocite-ref-45[45] und New York City,cite-ref-10-1001-jama-1986-03370160065028-46-0[46] jeweils ab dem Jahr 1978.
Die als Verschwörungstheorie eingestufte These einer Verursachung der AIDS-Pandemie durch einen US-amerikanischen Laborunfall wurde im Zuge der Operation Infektion durch den KGB kreiert. Jakob Segal entwickelte in den 1980er Jahren in Berlin eine Hypothese mit mutmaĂlich wissenschaftlichem Hintergrund, die ebenfalls von einem Laborunfall in Fort Detrick als Auslöser der AIDS-Pandemie ausgeht, jedoch abweichend von den Darstellungen des KGB die gentechnische Rekombination aus einem Visna-Virus und HTLV-I als kĂŒnstlichen Ursprung von HIV-1 annimmt.
Einteilung und Systematik
Es sind bisher zwei verschiedene Arten von HI-Viren bekannt, die als HIV-1 und HIV-2 bezeichnet werden. Die Homologie zwischen HIV-1 und HIV-2 betrĂ€gt auf AminosĂ€uresequenzebene nur etwa 45 bis 50 Prozent. Hierbei sind etwa 95 % der Infektionen auf HIV-1 zurĂŒckzufĂŒhren.cite-ref-8-47-0[47] HIV-1 und HIV-2 können weiter in Gruppen unterteilt werden, die teilweise mit unterschiedlicher HĂ€ufigkeit in verschiedenen Regionen der Welt auftreten.
âą M steht fĂŒr engl. major group âHauptgruppeâ und ist am hĂ€ufigsten verbreitet. Sie wird ferner in verschiedene Subtypen unterteilt, die mit A, B, C, D, F, G, H, J, K und Lcite-ref-49[49] bezeichnet werden. Etwa 70 % der HIV-1-Infektionen geht auf die Subtypen A, B und C zurĂŒck; Subtyp B kommt vor allem in Nordamerika und Europa vor, A in Osteuropa und C hauptsĂ€chlich in SĂŒdafrika und Asien. In Mitteleuropa wie Deutschland ist der Subtyp B aus der Gruppe M von HIV-1 am hĂ€ufigsten, besonders unter MSM und injizierenden Drogenkonsumenten.
âą N der Gruppe N steht fĂŒr ânon-Mâ und ânon-Oâ und bislang nur bei einigen wenigen Menschen nachgewiesen.cite-ref-9-50-1[50]
âą Ferner wurde Gruppe P eingefĂŒhrt, es wurde ebenfalls in sehr wenigen Menschen nachgewiesen.cite-ref-10-51-0[51]
Eine Koinfektion mit verschiedenen Subtypen kann dazu fĂŒhren, dass zirkulierende rekombinante Formen entstehen, die circulating recombinant forms (CRFs) genannt werden.cite-ref-10-51-1[51]cite-ref-52[52] Die Reihenfolge der Entdeckung wird durch eine sequenzielle Nummer kenntlich gemacht, die enthaltenen Subtypen durch entsprechende Buchstaben. So ist zum Beispiel CRF01_AB die erste identifizierte CRF (01) mit der Rekombination der Subtypen A und B. Falls mehr als zwei Subtypen prĂ€sent sind, wird dies durch cpx (complex) kenntlich gemacht, z. B. CRF06_cpx â sie enthĂ€lt die Subtypen A, G, J und K. Es wurden ĂŒber 100 CRFs identifiziert.cite-ref-53[53] Die Klassifikation der HIV-StĂ€mme ist entsprechend komplex und noch nicht abgeschlossen.
HIV-1, das insgesamt hĂ€ufiger ist, und HIV-2 Ă€hneln sich prinzipiell hinsichtlich des klinischen Infektionsverlaufs und der krankmachenden (pathogenen) Eigenschaften, auch wenn die Infektion mit HIV-2 wohl insgesamt langsamer verlĂ€uft. Die beiden StĂ€mme sehen unter dem Elektronenmikroskop gleich aus, unterscheiden sich jedoch in der molaren Masse der Proteine und in der Anordnung und Nukleotidsequenz der Gene. HIV-1 und HIV-2 entstanden aus unterschiedlichen Typen der bei bestimmten Affenarten vorkommenden SI-Viren. HIV-2 wurde ĂŒberwiegend in Westafrika nachgewiesen.cite-ref-rkiratgeber-48-2[48]
HIV-1 wurde ursprĂŒnglich von SIV-infizierten Schimpansen und Gorillas auf den Menschen ĂŒbertragen. So konnte fĂŒr die Gruppen M und N nachgewiesen werden, dass sie aus Schimpansen stammen, wĂ€hrend HIV-1 P von Gorillas auf den Menschen ĂŒbertragen wurde.cite-ref-plantier-2009-54-0[54] Alle vier HIV-1-Gruppen (M, N, O und P) sind auf vier unabhĂ€ngige Zoonosen (d. h. Tier-zu-Mensch-Ăbertragungen) zurĂŒckzufĂŒhren, wobei bislang nur die Gruppe M die AusmaĂe einer Pandemie angenommen hat.cite-ref-kirchhoff-2010-55-0[55]cite-ref-hahn-2000-56-0[56] Der Grund fĂŒr die höhere InfektiositĂ€t des HIV-1-M-Stammes beruht unter anderem auf spezifischen Eigenschaften des Virusproteins vpu der M-Gruppe, mit deren Hilfe gleich zwei Infektionsbarrieren ĂŒberwunden werden: Zum einen wird der antivirale Faktor Tetherin auf humanen Zellen effektiv ausgeschaltet und zum anderen wird der CD4-Rezeptor abgebaut.cite-ref-kirchhoff-2010-55-1[55]cite-ref-sauter-2009-57-0[57]cite-ref-uniulm-58-0[58]
Epidemiologie
Weltweit
Die weltweite HIV-PrĂ€valenz (KrankheitshĂ€ufigkeit) bei Erwachsenen im Alter von 15 bis 49 Jahren lag 2010 bei 0,8 Prozent. FĂŒr Zentral- und Westeuropa lag sie bei 0,2 Prozent. Im subsaharischen Afrika (5,0 Prozent) und in der Karibik (0,9 Prozent) war sie ĂŒberdurchschnittlich hoch. In einzelnen Staaten, wie zum Beispiel Eswatini, Botswana oder Lesotho sind etwa ein Viertel der 15- bis 49-JĂ€hrigen mit dem HI-Virus infiziert. Stark unterdurchschnittlich war die HIV-PrĂ€valenz im Jahr 2010 in den Regionen Ostasien (0,1 Prozent) sowie in Nordafrika und dem Mittleren Osten (0,2 Prozent).cite-ref-worldaidsday2011-59-0[59] In Russland hat sich die Zahl der HIV-Infizierten von 2007 bis 2012 verdoppelt, rund 1,2 Millionen Russen sind mit dem Virus infiziert.cite-ref-60[60] Dies entspricht in etwa einem Prozent der Einwohner.cite-ref-aerzteblatt-52573-61-0[61] Weltweit wird die Anzahl infizierter HIV-Patienten auf knapp 40 Millionen fĂŒr 2023 geschĂ€tzt.cite-ref-3-7-2[7]
Die Zahl der AIDS-Toten ist seit 2005 rĂŒcklĂ€ufig: 2005 starben etwa zwei Millionen Menschen weltweit an den Folgen einer HIV-Infektion, im Jahr 2023 ungefĂ€hr 630.000 Menschen.cite-ref-3-7-3[7] Die Zahl der bekannten Neuinfektionen sinkt seit 1997 stetig und lag 2023 bei 1,3 Millionen Menschen. Gleichzeitig nimmt die Anzahl der Personen unter Therapie zu, sie lag 2023 bei etwa 31 Millionen.
In Deutschland
Nach Daten des Robert Koch-Instituts erlagen bis Ende 2023 insgesamt etwa 33.900 Menschen in Deutschland den Folgen der ImmunschwÀche.cite-ref-5-8-1[8] Im Jahr 2023 waren geschÀtzt 96.700 Menschen in Deutschland (ca. ein Mensch auf 1000) mit HIV infiziert. Hierbei machen HIV-2-Infektionen 5 Ⱐaller Neudiagnosen aus.cite-ref-rkiratgeber-48-3[48]
Von den etwa 2200 Neuinfizierten im Jahr 2023 waren nach SchĂ€tzungen des RKI etwa 55 % MĂ€nner, die Sex mit MĂ€nnern haben. Etwa 28 % der Ăbertragungen kamen durch heterosexuellen Geschlechtsverkehr zustande, 17 % der Infektionen durch infizierte Spritzen bei intravenösem Drogenkonsum und weniger als 1 % Ăbertragungen von der Mutter auf das Kind wĂ€hrend der Schwangerschaft und der Geburt. Insgesamt waren 77 % der Neuinfizierten mĂ€nnlich. Die Zahl der bisher noch nicht diagnostizierten HIV-Positiven in Deutschland betrĂ€gt laut SchĂ€tzungen etwa 8.200.cite-ref-5-8-2[8] Das Infektionsrisiko fĂŒr MĂ€nner, die Sex mit MĂ€nnern haben, ist damit signifikant höher, als bei ungeschĂŒtztem Geschlechtsverkehr bei heterosexuellen Paaren.
Eine antiretrovirale Therapie erhielten 2023 geschÀtzte 87.200 Menschen mit bekannter HIV-Infektion, was eine Therapieabdeckung von 99 % bedeutet. Davon war bei 96 % die Therapie so erfolgreich, dass sie nicht infektiös waren.cite-ref-5-8-3[8]
In Folge der COVID-19-Pandemie in Deutschland und der damit einhergehenden HygienemaĂnahmen lag die Zahl der in den Kalenderwochen 10 bis 32 registrierten Neuinfektionen im Jahr 2020 im Mittel rund 22 Prozent unter den Werten der Vorjahre.cite-ref-62[62]
Ăbertragung
| Infektionsweg | Risiko pro 10.000 Kontakten mit infektiöser Quelle | In Prozent |
|---|---|---|
| Parenteral | Parenteral | Parenteral |
| Bluttransfusion oder Transfusion von Blutbestandteilen | 9.250 | 92,50 % |
| Drogeninjektion mit gebrauchter Nadel | 63 | 0,63 % |
| Nadelstich durch die Haut | 23 | 0,23 % |
| Sexuell (ungeschĂŒtzter Geschlechtsverkehr) | Sexuell (ungeschĂŒtzter Geschlechtsverkehr) | Sexuell (ungeschĂŒtzter Geschlechtsverkehr) |
| Analverkehr, empfangender Partner | 138 | 1,38 % |
| Vaginalverkehr, empfangender Partner | 8 | 0,08 % |
| Analverkehr, einfĂŒhrender Partner | 11 | 0,11 % |
| Vaginalverkehr, einfĂŒhrender Partner | 4 | 0,04 % |
| Oralverkehr | gering 1 | - |
| 1 FĂ€lle von HIV-Ăbertragung durch Oralsex wurden wissenschaftlich dokumentiert, sind jedoch selten. Eine prĂ€zise SchĂ€tzung des Risikos ist aufgrund der schlechten Datenlage nicht verfĂŒgbar. | 1 FĂ€lle von HIV-Ăbertragung durch Oralsex wurden wissenschaftlich dokumentiert, sind jedoch selten. Eine prĂ€zise SchĂ€tzung des Risikos ist aufgrund der schlechten Datenlage nicht verfĂŒgbar. | 1 FĂ€lle von HIV-Ăbertragung durch Oralsex wurden wissenschaftlich dokumentiert, sind jedoch selten. Eine prĂ€zise SchĂ€tzung des Risikos ist aufgrund der schlechten Datenlage nicht verfĂŒgbar. |
Das HI-Virus wird durch Kontakt mit den KörperflĂŒssigkeiten Blut, Sperma, Vaginalsekret sowie Muttermilch und Liquor cerebrospinalis ĂŒbertragen. Potenzielle Eintrittspforten sind frische, noch blutende Wunden und SchleimhĂ€ute (vor allem Bindehaut, Vaginal-cite-ref-64[64] und Analschleimhaut) bzw. nicht ausreichend verhornte, leicht verletzliche Stellen der AuĂenhaut (Eichel, Innenseite der Penisvorhaut, Anus). Der hĂ€ufigste Infektionsweg ist Anal- oder Vaginalverkehr ohne Verwendung von Kondomen. Die Benutzung kontaminierter Spritzen beim intravenösen Drogenkonsum stellt einen weiteren gĂ€ngigen Infektionsweg dar. Oralverkehr gilt als weit weniger infektiös, da die gesunde Mundschleimhaut sehr viel widerstandsfĂ€higer ist als andere SchleimhĂ€ute.cite-ref-65[65] Eine Ansteckung ist bei Oralverkehr nur dann möglich, wenn Sperma oder Menstruationsblut auf die Mundschleimhaut gelangt. Bei der Aufnahme von ScheidenflĂŒssigkeit ohne Blut reicht die Virenmenge fĂŒr eine Ansteckung nicht aus. Auch die orale Aufnahme von PrĂ€ejakulat stellt bei intakter Mundschleimhaut kein Risiko dar.cite-ref-66[66] Homosexuelle MĂ€nner gelten als Risikogruppe, da Analverkehr, welcher ein deutlich höheres Infektionsrisiko als Vaginalverkehr birgt, bei ihnen stĂ€rker verbreitet ist als in der Gruppe der Heterosexuellen. Wie hoch das Risiko beim Geschlechtsverkehr ist, hĂ€ngt vor allem von der Viruskonzentration (Viruslast) in der ĂŒbertragenden KörperflĂŒssigkeit (zum Beispiel Blut, SamenflĂŒssigkeit oder Scheidensekret) ab. Die Viruslast ist in den ersten Wochen nach der Infektion, bevor sich ausreichend Antikörper gebildet haben, besonders hoch, nimmt dann aber zunĂ€chst ab und steigt in spĂ€ten Stadien der Erkrankung wieder an.cite-ref-67[67]
Das Infektionsrisiko beim ungeschĂŒtzten, heterosexuellen Geschlechtsverkehr mit HIV-infizierten Partnern fĂŒr beschnittene MĂ€nner ist vermutlich etwas geringer als bei unbeschnittenen MĂ€nnern.cite-ref-68[68] Bei MSM wird ein möglicher protektiver Effekt dagegen als wahrscheinlich niedrig angesehen. Aufgrund der Ergebnisse von verschiedener Studien empfahl die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 2007 ihren MitgliedslĂ€ndern die Beschneidung als zusĂ€tzliche PrĂ€ventivmaĂnahme zur EindĂ€mmung von HIV/AIDS, wofĂŒr sie allerdings von Experten kritisiert wurde. Eine BefĂŒrchtung ist, dass sich beschnittene MĂ€nner in einer trĂŒgerischen Sicherheit wĂ€hnen und ein höheres Risiko eingehen, da sie auf Safer-Sex-MaĂnahmen verzichten.cite-ref-69[69] AuĂerdem hat die Beschneidung keinen Einfluss auf das Erkrankungsrisiko der Partnerinnen.
Siehe auch
:
Abschnitt âInfektionsrisiko von HIVâ des Artikels Zirkumzision
Bluttransfusionen sind ebenfalls eine mögliche Infektionsquelle: Das Infektionsrisiko fĂŒr den EmpfĂ€nger bei einer Transfusion mit HIV-kontaminiertem Blut wird auf 90 % geschĂ€tzt.cite-ref-hilgartner-1991-70-0[70] So kam es Anfang der 1980er Jahre in vielen LĂ€ndern zu verschiedenen Blutskandalen. Diese Ansteckungsmöglichkeit hat heute in Deutschland wegen der 1985 eingefĂŒhrten Routine-Untersuchungen auf HIV-Antikörper der Blutspender allerdings kaum noch Bedeutung.cite-ref-tagesspiegel-2-format530-jpg-71-0[71] Da zwischen der Ansteckung des Spenders und der Nachweisbarkeit von Antikörpern im HIV-Test in EinzelfĂ€llen bis zu drei Monate verstreichen können (diagnostische LĂŒcke), werden seit Anfang 2002 zwingend alle deutschen Blutspenden auch mittels Polymerase-Kettenreaktion (PCR) auf die Anwesenheit des Virus getestet. Das Robert Koch-Institut schĂ€tzt das Risiko, sich in Deutschland bei einer Blutspende mit HIV zu infizieren, auf kleiner als 1:5 Millionen.cite-ref-72[72]
Das Risiko der Infektion eines Kindes durch eine HIV-infizierte Mutter wĂ€hrend der Schwangerschaft oder Geburt ohne antiretrovirale Therapie wird fĂŒr Europa auf 15 bis 25 % geschĂ€tzt.cite-ref-73[73] Eine Ăbertragung des Virus beim Stillen ist ebenfalls möglich.cite-ref-74[74] Bei bekannter HIV-Infektion der Mutter kann das Risiko einer Ăbertragung auf das Kind durch die Gabe antiretroviraler Medikamente (an die Mutter vor und das Kind nach der Geburt), die Geburt durch Kaiserschnitt und den Verzicht auf das Stillen des Kindes auf unter ein Prozent vermindert werden.cite-ref-rkiratgeber-48-4[48]
Die sogenannte CHAT-Survey-Studiecite-ref-75[75] des schweizerischen Bundesamtes fĂŒr Gesundheitswesen (BAG) â eine Nachbefragung von Menschen, die im Verlauf eines Jahres positive HIV-Tests erhielten â ergab, dass 49 % aller Neuinfizierten die Infektion von ihrem festen Sexualpartner erhielten; 38 % wurden von einem zwar bekannten, aber nicht festen Gelegenheitspartner infiziert. Zehn Prozent der neuinfizierten Personen wussten schon vorher, dass ihr Partner HIV-positiv ist. Hat sich jemand von seinem bereits infizierten Partner absichtlich anstecken lassen, spricht man vom sogenannten Pozzen. Nur 13 % der Heterosexuellen steckten sich bei anonymen sexuellen Begegnungen an. Bei Homosexuellen spielten die Infektionen durch feste Partner eine geringere Rolle â anonyme Sexualkontakte machten 26 % der Infektionen aus.cite-ref-76[76]
ZungenkĂŒsse gelten nicht als HIV-Infektionsrisiko. Obwohl theoretisch die Möglichkeit einer Infektion denkbar erscheint, wenn blutende Wunden, beispielsweise Verletzungen des Zahnfleisches, im Mund vorhanden sind, gibt es weltweit keinen dokumentierten Fall dieses Ăbertragungsweges.cite-ref-77[77]
Die HIV-Konzentration in TrĂ€nen, SchweiĂ und Speichel reicht fĂŒr eine Ansteckung nicht aus. Des Weiteren wird HIV nicht durch Tröpfcheninfektion, ĂŒber Nahrungsmittel, Speichel, TrĂ€nenflĂŒssigkeit, Insektenstiche oder Trinkwasser ĂŒbertragen.cite-ref-4-78-0[78]
Menschen, die einer akuten Ansteckungsgefahr ausgesetzt waren, sollten möglichst bald (idealerweise innerhalb von Stunden) einen Arzt aufsuchen, um sich beraten zu lassen und gegebenenfalls eine postexpositionelle Prophylaxe (PEP) durchzufĂŒhren. Nach Ablauf von 48 bzw. 72 Stunden wird eine medikamentöse Postexpositionsprophylaxe nicht mehr als sinnvoll erachtet.
Hinsichtlich der Infektionswahrscheinlichkeiten, der Behandlungsindikationen und Therapie siehe ausfĂŒhrlich unter AIDS.
Vermehrungszyklus des HIV
FollikulÀre T-Helferzellen als HIV-Reservoir
Zur Vermehrung benötigt das Virus Wirtszellen, die den CD4-Rezeptor auf der OberflĂ€che tragen.cite-ref-79[79] Dies sind vor allem CD4-tragende T-Helferzellen (CD4+-Zellen). Als hauptsĂ€chliches Reservoir fĂŒr die humanen Immundefizienz-Viren dienen die follikulĂ€ren T-Helferzellen in den Lymphfollikeln des Körpers, die rund zwei Prozent der CD4+-Zellen ausmachen.cite-ref-80[80]cite-ref-81[81] T-Helferzellen unterstĂŒtzen andere WeiĂe Blutzellen bei immunbiologischen Prozessen, wie der Reifung der B-Lymphozyten zu Plasma- und GedĂ€chtniszellen oder der Aktivierung zytotoxischer T-Lymphozyten und Makrophagen. Neben T-Lymphozyten besitzen auch Monozyten, Makrophagen und dendritische Zellen CD4-Rezeptoren. Latent infizierte ruhende CD4+-T-Zellen (T-GedĂ€chtniszellen) stellen langlebige Reservoire fĂŒr HIV dar und sind der Grund, dass HIV trotz wirksamer antiretroviraler Medikamente bisher nicht eradiziert werden kann und es nach Absetzen der Therapie immer wieder zu Rezidiven kommt.cite-ref-doi10-1038-nm-3445-82-0[82]cite-ref-83[83]cite-ref-84[84]
Fusion mit der Wirtszelle
Um mit der Zellmembran der Wirtszelle verschmelzen zu können, binden die OberflĂ€chenproteine gp120 an die CD4-Rezeptoren. Durch die Bindung kommt es zu einer KonformationsĂ€nderung im Transmembranprotein gp41, ein Mechanismus, der einer âSchnappfederâ oder einer âMausefalleâ Ă€hnelt.
Neben den CD4-Rezeptoren sind weitere Co-Rezeptoren an der Bindung des HI-Virus an weiĂe Blutzellen beteiligt:cite-ref-pmid8649511-85-0[85] Die Chemokin-Rezeptoren CCR5 an monozytĂ€ren Zellen und CXCR4 an T-Zellen sind an der Bindung beteiligt.cite-ref-pmid9634238-86-0[86]cite-ref-87[87] Die unterschiedliche AusprĂ€gung dieser Rezeptoren beeinflusst die Ansteckungswahrscheinlichkeit und den Verlauf der HIV-Infektion.cite-ref-pmid9430590-88-0[88] MolekĂŒle, die die CCR5-Rezeptoren blockieren, gehören zur Wirkstoffgruppe der Entry-Inhibitoren, spielen in aktuellen HIV-Therapien jedoch eine untergeordnete Rolle.cite-ref-pmid9334378-89-0[89]cite-ref-pmid9334379-90-0[90]
Ebenso sind Menschen, die homozygot die sogenannte Delta-32-Mutation des CCR5-Co-Rezeptor-Gens aufweisen, schwerer mit HIV infizierbar. Dies trifft auf etwa ein Prozent der Bevölkerung in Europa zu. In geringerem MaĂe trifft dies auch auf Mutationen des CCR2-Gens zu. Menschen mit HLA-B27/B57 (siehe Human Leukocyte Antigen) zeigen einen langsameren Verlauf der Erkrankung.
Transport zum Zellkern und Zerfall des Virus-Kapsids
Nach der Membranfusion gelangt das virale Kapsid in das Zytosol und wird entlang von Mikrotubuli in Richtung des Zellkerns transportiertcite-ref-11-91-0[91] mittels des Motorproteins Dyneincite-ref-92[92]cite-ref-93[93]. WĂ€hrend frĂŒhere Studien von einem Auflösen des Virus-Kapsids (âuncaotingâ) kurz nach dem Eintritt in das Zytosol ausgingen, wurde gezeigt, dass das Kapsid als ganzes die Kernpore passiertcite-ref-94[94] und erst im Inneren des Zellkerns zerbricht und die Virus-Erbinformation im Zellkern freisetzt. Andernfalls werden durch Erkennung viraler NukleinsĂ€ure durch zellulĂ€re âPattern Recognition Receptorsâ diese Kapside eliminiert.cite-ref-11-91-1[91] Der Durchmesser des Kernporenkanals betrĂ€gt 40 bis 60 nm. WĂŒrde das Virus-Kapsid wie andere Proteine erst durch eine klassische Transporter-Schicht (Importine) fĂŒr den Transport durch die FG-Phase (Barriere, die den Kernporenkanal ausfĂŒllt und blockiert) umhĂŒllt werden, wĂ€re es mit knapp 70 nm zu groĂ fĂŒr die Passage.cite-ref-95[95] 2024 wurde gezeigt, dass das Kapsid eine importinartige OberflĂ€che aufweist.cite-ref-96[96] Dadurch gleitet es direkt durch den Kanal ohne eine stattfindende zelltypische Selektion, wodurch es auch gemÀà einer der Autoren, Dirk Görlich, zu einer neuen Klasse von molekularen Transportern gezĂ€hlt werden kann.
Einbau des HI-Virus-Genoms in die Wirtszelle
Das HIV baut zur Vermehrung seine Erbsubstanz, die bei ihm in Form eines RNA-Genoms vorliegt, nach der sogenannten reversen Transkription in die doppelstrĂ€ngige DNA des Genoms der Wirtszelle ein.cite-ref-97[97] Die Umwandlung von viraler RNA in provirale DNA im Cytoplasma der Wirtszelle durch das Enzym Reverse Transkriptase ist ein entscheidender Schritt im Reproduktionszyklus der Retroviren; beim HI-Virus ist dieser Prozess extrem fehlerbehaftet, was zu einer wiederholten Mutation des Virus' fĂŒhrt, welche wiederum einen Hauptgrund fĂŒr die schwierige BekĂ€mpfung darstellt. Da die Reverse Transkriptase von Retro- und Hepadnaviren sich stark von anderen reversen Transkriptasen wie der humanen Telomerase unterscheidet, stellt sie ein wichtiges Ziel therapeutischer Intervention dar und ist Ansatzpunkt zweier pharmakologischer Wirkstoffklassen.
Nach reverser Transkription und Transport in den Zellkern schlieĂt sich die Integration des Virus-Genoms in das menschliche Erbgut durch ein weiteres virales Enzym an, die Integrase.cite-ref-98[98]cite-ref-99[99] Die virale DNA wird schon vor der Integration abgelesen, dabei werden auch bereits die viralen Proteine gebildet. Demnach liegt die HIV-DNA als integrierte und nicht-integrierte Form vor. Auch existieren zirkulĂ€re Formen von HIV-DNA.
Das nun als integriertes Provirus vorliegende virale Genom zeigt einen charakteristischen Aufbau, wobei die codierenden Bereiche auf beiden Seiten von identischen regulatorischen Sequenzen, die im Verlauf der reversen Transkription generiert wurden, den sogenannten LTRs, flankiert sind. Der Promotor, unter dessen Kontrolle die Transkription der verschiedenen mRNAs erfolgt, liegt im Bereich des LTR und wird durch das virale Protein TAT aktiviert. Eine ungespleiĂte RNA dient als virales Genom fĂŒr die nĂ€chste Generation von HI-Viren und als mRNA fĂŒr die Translation eines Gag (Gruppenspezifisches Antigen) sowie mittels einer in einem von 20 FĂ€llen vorkommenden Verschiebung des Leserasters eines Gag-Pro-Pol-VorlĂ€uferproteins. GespleiĂte RNAs codieren fĂŒr das HĂŒllprotein Env sowie die ebenfalls im 3'-Bereich befindlichen weiteren Proteine. HIV codiert fĂŒr 16 Proteine.cite-ref-100[100]
Im weiteren Verlauf folgt die Morphogenese, das heiĂt, ĂŒber verschiedene Interaktionen finden die viralen Bestandteile wie Gag-, Pro-pol- und Env-VorlĂ€uferproteine sowie die RNA zusammen und formen sich zu zunĂ€chst unreifen Virionen, die sich von der Plasmamembran abschnĂŒren. Durch weitere Reifungsprozesse entsteht das reife Viruspartikel, bereit fĂŒr die Infektion der nĂ€chsten Zelle. Zu den Reifungsprozessen gehört insbesondere die Spaltung der VorlĂ€uferproteine â teils durch die virale Protease, teils durch zellulĂ€re Enzyme â in ihre einzelnen Bestandteile, also von Gag in Matrix-, Kapsid- und Nukleokapsidprotein, Pol in Protease, Reverse Transkriptase mit RNase H und Integrase sowie Env in OberflĂ€chen- und Transmembraneinheit. Die neugebildeten Tochtervirionen verlassen die Zelle durch Knospung. Beim Zusammenbau wird das HIV mit dem zellulĂ€ren Protein Cyclophilin A bedeckt.cite-ref-pmid-26940118-101-0[101] Dabei bindet je ein Cyclophilin A an zwei Hexamere des Kapsidproteins, wodurch es das Kapsid stabilisiert und maskiert vor intrazellulĂ€ren Mechanismen der angeborenen Immunantwort in Makrophagen und dendritischen Zellen.cite-ref-pmid-26940118-101-1[101]
Das Virus in infizierten und ruhenden CD4+-T-Zellen entzieht sich dem Angriff seitens antiviraler Medikamente und des Immunsystems. Zu einer Aktivierung dieser âImmunzellenâ kommt es nach Antigenkontakt, zum Beispiel im Rahmen gewöhnlicher oder einer opportunistischen Infektion. WĂ€hrend die Zelle eigentlich gegen einen anderen Krankheitserreger vorgehen will, beginnt sie stattdessen Virusproteine zu produzieren und neue Viren freizusetzen. Diese infizieren dann wiederum andere Zellen.
Was das HI-Virus so auĂergewöhnlich ĂŒberlebensfĂ€hig macht, ist seine WandlungsfĂ€higkeit oder, besser gesagt, seine hohe Mutationsrate. Von den Influenza-Viren (Grippe) zum Beispiel entwickeln sich in derselben Zeit auf der ganzen Welt nicht einmal halb so viele neue Varianten wie vom HI-Virus in einem einzelnen infizierten Menschen.
Verlauf der HIV-Infektion
Eine unbehandelte HIV-Infektion verlĂ€uft in der Regel in mehreren Stadien. Nach einer Inkubationszeit von etwa drei bis sechs Wochen kommt es nach der Ansteckung meist zu einer akuten HIV-Infektion. Dieses akute Initialstadium ist unter anderem durch Fieber, NachtschweiĂ,cite-ref-102[102] Abgeschlagenheit, HautausschlĂ€ge (makulöses Exanthem), orale Ulzerationen oder Arthralgie (Gelenkschmerzen) und Kopfschmerzencite-ref-103[103] gekennzeichnet. Wegen der Ăhnlichkeit mit grippalen Infektionen bleibt die akute HIV-Infektion meistens unerkannt. Eine frĂŒhe Diagnose ist jedoch wichtig: Durch sie können nicht nur weitere Infektionen von Sexualpartnern verhindert werden. Erste Studien an Patienten, die wĂ€hrend der akuten HIV-Infektion antiviral behandelt wurden und nach einiger Zeit die Therapie absetzten, zeigten, dass die HIV-spezifische Immunantwort der Patienten gestĂ€rkt werden konnte.cite-ref-pmid11029005-104-0[104]cite-ref-pmid11148221-105-0[105] Die akute Infektion dauert selten mehr als vier Wochen an.
In der folgenden meist mehrjĂ€hrigen Latenzphase treten keine gravierenden körperlichen Symptome auf. VerĂ€nderte Blutwerte und eine schleichende Lipodystrophie bleiben von den HIV-Infizierten oftmals unbemerkt. Danach kommt es vielfach zu ersten Erkrankungen, die auf ein mittelschwer geschwĂ€chtes Immunsystem zurĂŒckzufĂŒhren sind, jedoch noch nicht als AIDS-definierend gelten (CDC Klassifikation B, siehe AIDS).
Neben den Symptomen durch die SchwÀchung des Immunsystems gibt es auch weitere Symptome, wie zum Beispiel VerÀnderungen in der Struktur des Herzmuskels.cite-ref-106[106] Zur StrukturverÀnderung am Herzen kommt es vor allem dann, wenn es nicht gelingt, die Viruslast adÀquat zu senken.
Zerstörung von CD4-Helferzellen
Im Verlauf einer HIV-Infektion werden unter anderem CD4+-Helferzellen kontinuierlich auf verschiedenen Wegen zerstört, was eine SchwĂ€chung des Immunsystems bewirkt. Zum einen können infizierte Wirtszellen auf direktem Wege eliminiert werden. Dies geschieht entweder durch MembranschĂ€den an der Zelle, welche durch Ein-/Austritte der Viren verursacht werden, oder durch proapoptotische EiweiĂe der HI-Viren sowie zerstörerische Informationshybride aus RNA und DNA. Zum anderen findet eine indirekte Zerstörung infizierter Zellen statt, die durch gesunde Zellen des Immunsystems als gefĂ€hrlich erkannt und von ihnen anschlieĂend ausgeschaltet werden. AuĂerdem werden auch nichtinfizierte T-Helferzellen als KollateralschĂ€den durch einen Kontakt mit Proteinen wie p120 zerstört. Diese Proteine entstehen bei der Vermehrung des HI-Virus in der Blutbahn. Im Anschluss an eine akute HIV-Infektion und nach erfolgter virusspezifischer Immunantwort ist der Körper in der Regel ĂŒber einige Jahre in der Lage, die Menge der zerstörten Zellen durch die Produktion neuer Zellen zum gröĂten Teil zu ersetzen.
Ausbildung eines Immundefektes
Bleibt die HIV-Infektion unbehandelt, sinkt die Zahl der CD4+Helferzellen kontinuierlich ab, und es kommt im Median neun bis elf Jahre nach der Erstinfektion zu einem schweren Immundefekt (< 200 CD4+-Zellen/Mikroliter). Dieser fĂŒhrt in der Regel zu AIDS-definierenden Erkrankungen (CDC Klassifikation 3). Zu diesen zĂ€hlen opportunistische Infektionen, die durch Viren, Bakterien, Pilze oder Parasiten bedingt sind. Aus diesem Grund gehören HIV-positive Menschen zu den Hochrisikopatienten fĂŒr viele impfprĂ€ventable Infektionskrankheiten, wie Pneumonie (ausgelöst zum Beispiel durch Pneumokokken) oder Meningitis (ausgelöst zum Beispiel durch Meningokokken).cite-ref-0-107-0[107] Hinzu kommen andere Erkrankungen, wie Kaposi-Sarkom, malignes Lymphom, HIV-Enzephalopathie und das Wasting-Syndrom. Nach individuell unterschiedlicher Zeit fĂŒhren diese unbehandelt meist zum Tod. Ein schwerer Immundefekt bedeutet jedoch nicht, dass sofort AIDS auftritt. Je lĂ€nger ein schwerer Immundefekt vorliegt, desto gröĂer ist die Wahrscheinlichkeit, AIDS zu bekommen.
Genetische Faktoren und Resistenz
Die Tatsache, dass Individuen trotz gleicher Infektionsquelle oft sehr unterschiedliche KrankheitsverlĂ€ufe haben, deutet auf einen starken Einfluss von Wirtsfaktoren auf den Verlauf der Infektion hin. Neben der Ausbildung der Immunantwort scheinen auch einige genetische Faktoren eine Rolle zu spielen. Verschiedene Gruppen erkranken nicht an AIDS, zum Beispiel die Long-term non-progressors (LTNPs, darunter auch die elite controllers bzw. elite suppressors) und die HIV-exposed seronegative (HESN).cite-ref-108[108] Letztere wurden frĂŒher auch als highly exposed persistently seronegative (HEPS) bezeichnet. Die LTNP entwickeln fĂŒr lĂ€ngere Zeit keine fortschreitende Erkrankung, HESN zeigen sogar weder klinische noch serologische Anzeichen einer HIV-Infektion.
Homozygote Individuen mit einem genetischen Defekt am CCR5-Rezeptor (CCR5Î32) sind weitgehend resistent gegen HIV-Infektionen.cite-ref-pmid8791590-109-0[109]cite-ref-pmid8756719-110-0[110]
Dieser Rezeptor dient als Korezeptor bei der Fusion des Virus mit der Wirtszelle. Es wurden nur wenige Individuen gefunden, die eine Infektion trotz dieses Rezeptordefektes haben. Sie infizierten sich mit HI-Viren, die andere Co-Rezeptoren benutzen, wie etwa den CXCR4-Rezeptor auf T-Zellen. Homozygote GentrĂ€ger dieser Deletion machen etwa ein Prozent der Bevölkerung aus, heterozygote GentrĂ€ger etwa 20 Prozent. Heterozygote haben zwar deutlich weniger CCR5-Rezeptoren, können sich aber auch mit HIV infizieren und scheinen nach einer Infektion kaum eine lĂ€ngere mittlere Ăberlebenszeit zu haben.
Abgesehen von Mutationen, die eine vollstĂ€ndige Resistenz gegen HIV verleihen, gibt es auch eine Reihe von Genotypen, die zwar nicht vor einer HIV-Infektion schĂŒtzen, aber mit einem langsameren Voranschreiten der Krankheit und geringerer Viruslast assoziiert sind. Dabei sind zwei unterschiedliche Mechanismen identifiziert worden:
âą TrĂ€ger gewisser Allele der MHC-I-Proteine, insbesondere HLA-B*5705 und/oder HLA-B*2705, weisen gegenĂŒber anderen Menschen ein langsameres Voranschreiten der Infektion auf. Da MHC-I-Proteine virale Proteine aus dem Zellinneren binden und so die Infektion einer Zelle anzeigen, wird davon ausgegangen, dass die genannten Varianten in der Lage sind, die Proteine des HIV besonders effizient zu binden. Daher werden HIV-infizierte T-Helferzellen in diesen Individuen besonders schnell von cytotoxischen T-Zellen erkannt und vernichtet.
⹠Nach einer HIV-Infektion beginnt das Immunsystem mit der Produktion von Antikörpern gegen HIV; aufgrund der hohen Mutationsrate des HIV bleiben diese aber weitgehend wirkungslos. Einige Menschen produzieren jedoch Antikörper, die sich gegen eine konstante Region des gp120 richten, was die Infektion verlangsamt. Warum diese Antikörper nur von gewissen Menschen produziert werden, ist unbekannt.cite-ref-pmid17896963-111-0[111]
Tests auf eine HIV-Infektion
â
Hauptartikel
:
HIV-Test
Die sicherste Methode zur Diagnose einer HIV-Infektion ist der Erregernachweis. Aufgrund der Schwierigkeit eines solchen Nachweises wurde zunĂ€chst der einfachere Weg eingeschlagen, das Blutserum auf Antikörper zu untersuchen.cite-ref-112[112] Es gibt heute verschiedene Möglichkeiten, Blut, Sperma, Urin oder auch Gewebe auf eine mögliche Infektion mit HIV zu prĂŒfen. Dabei kann das Virus entweder direkt durch die virale RNA bzw. das Antigen p24 (ein Protein des HIV-Kapsids) oder indirekt durch die vom Körper gebildeten Antikörper gegen HIV nachgewiesen werden.
Immunologische Testverfahren
Die umgangssprachlich oft fĂ€lschlichcite-ref-113[113] als âAidstestâ bezeichneten serologischen Testverfahren detektieren die vom Immunsystem des Menschen gebildeten Antikörper gegen das Virus. Moderne Suchtests der vierten Generation (HIV-1/2-Antikörper & p24-Antigen Kombi-Tests) erfassen zusĂ€tzlich das p24-Antigen des HIV-1-Virus. Da p24 bereits in der FrĂŒhphase der Infektion nachweisbar ist, wenn noch keine Antikörper gebildet worden sind, verkĂŒrzt sich dadurch das diagnostische Fenster und ein frĂŒheres aussagekrĂ€ftiges Testergebnis wird ermöglicht. Ab dem elften Tag der Infektion ist ein positives Ergebnis möglich. Ein negatives Ergebnis schlieĂt eine Infektion nur sicher aus, wenn sechs Wochen vor dem Test keine Infektionsmöglichkeit bestanden hat. HIV-Tests der dritten Generation, welche nur auf Antikörper testen, können eine Infektion erst nach drei Monaten mit Sicherheit ausschlieĂen.cite-ref-114[114]
Als Suchtests werden in den meisten Routinelaboratorien automatisierte Immunassays und nur noch vereinzelt der klassische ELISA-Test auf Mikrotiterplatten eingesetzt. Bei einem positiven oder grenzwertigen Ergebnis im Immunassay folgt als BestĂ€tigungstest ein Immunoblot nach dem Western-Blot-Prinzip. Diese zwei Methoden werden stets nacheinander verwendet: Der Immunassay ist hochsensitiv und somit geeignet, falsch negative Ergebnisse zu vermeiden. Die geringere SpezifitĂ€t des Suchtests wird in Kauf genommen, um in dieser Stufe der Diagnostik keine positiven Proben zu ĂŒbersehen. Der zur BestĂ€tigung eingesetzte, spezifischere Immunoblot dient dem Ausschluss falsch positiver Ergebnisse. Immunassays wie Western Blot sind gĂŒnstige Tests und sie sind ca. drei Monate nach einer möglichen Infektion von hoher Genauigkeit, können aber nach einer vermuteten Ansteckung schon frĂŒher eingesetzt werden, denn die Zeit zur Bildung von HIV-Antikörpern betrĂ€gt durchschnittlich etwa 22 Tage.cite-ref-115[115] FĂŒr ein abschlieĂendes Testergebnis eines Immunassays empfehlen AIDS-Hilfe und das Robert Koch-Institut jedoch eine Wartezeit von zwölf Wochen. Dies gilt nicht fĂŒr die Tests der vierten Generation, die zusĂ€tzlich zu den Antikörpern das p24-Antigen aufspĂŒren. Diese kombinierten Antikörper-Antigen-Suchtests liefern bereits nach sechs Wochen ein aussagekrĂ€ftiges Ergebnis.cite-ref-4-78-1[78]cite-ref-116[116]
Ein positives Ergebnis im Screeningtest allein ist kein sicherer Befund fĂŒr eine HIV-Infektion, deshalb wird er immer zusammen mit Immunoblot angewendet. Kann ein positives Ergebnis im Immunassay mittels Immunoblot (der nur Antikörper nachweisen kann) nicht bestĂ€tigt werden, muss eine HIV-PCR zum direkten Erregernachweis durchgefĂŒhrt werden, weil es sein kann, dass der Immunassay nur auf das p24-Antigen des Virus reagiert, wĂ€hrend noch keine Antikörper vorhanden sind. Ist der Immunassay weder durch Blot noch durch PCR zu bestĂ€tigen, kann angenommen werden, dass der Immunassay âunspezifischâ reagiert hat, d. h. durch eine andere Ursache als eine HIV-Infektion positiv wurde. Antikörpertests können in seltenen FĂ€llen nach kurz zurĂŒckliegenden akuten Erkrankungen, Grippeimpfungen und Allergien falsch positive Befunde liefern.cite-ref-pmid7539579-117-0[117]
PCR
Der direkte Nachweis von viralen NukleinsĂ€uren (RibonukleinsĂ€ure (RNA)) durch Polymerase-Kettenreaktion (PCR) ist das schnellste, jedoch auch das teuerste Verfahren, das schon 15 Tage nach einer Ansteckung verlĂ€ssliche Resultate liefert. Abgesehen von der qualitativen PCR, wie sie zur Diagnose einer akuten HIV-Infektion und im Blutspendewesen verwendet wird, sind quantitative PCR-Verfahren ein wichtiges Werkzeug, um bei HIV-positiven Patienten die Viruslast (Anzahl der viralen RNAs pro Milliliter Blutplasma) zu bestimmen, um zum Beispiel den Erfolg der antiretroviralen Therapie zu ĂŒberwachen.
Behandlung
â
Hauptartikel
:
Antiretrovirale Therapie
Mit einer antiretroviralen Therapie (ART), auch hochaktiven antiretroviralen Therapie (HAART), kann die Virusvermehrung im Körper verlangsamt und der Ausbruch einer AIDS-Erkrankung hinausgezögert werden. Ab 1996 kamen immer besser wirksame antiretrovirale Medikamente auf den Markt, die anfangs als Dreierkombination, spÀter auch als Zweierkombination zur Behandlung einer HIV-1-Infektion eingesetzt wurden. Die Tablettenlast und die damit verbundene mehrfach tÀgliche Einnahme wurden erheblich reduziert, mittlerweile gibt es sogenannte Single-Tablet-Regimes, bei der in einer Tablette drei bzw. zwei Wirkstoffe kombiniert sind. Dies erleichtert die tÀgliche Einnahme.cite-ref-118[118]
Durch die lebenslang notwendige Therapiestrategie kann AIDS fast vollstĂ€ndig verhindert werden. Ziel ist die Absenkung der Viruslast des zu behandelnden Patienten auf weniger als 50 Viruskopien pro Milliliter Blut; dies gilt als virologischer Therapieerfolg.cite-ref-awmf-119-0[119] FĂ€llt diese unter die Nachweisgrenze der verfĂŒgbaren Testverfahren von 20â50 Kopien/ml Blut, sind HIV-Infizierte nicht mehr infektiös bzw. die AnsteckungsfĂ€higkeit wird praktisch aufgehoben d. h. N=N oder: nicht-nachweisbar = nicht ĂŒbertragbar.cite-ref-rkiratgeber-48-5[48]cite-ref-120[120]
Daher gilt die Behandlungsrichtlinie, jede diagnostizierte HIV-Infektion zeitnah antiretroviral zu behandeln.cite-ref-awmf-119-1[119] 2023 standen in Deutschland etwa 87.200 von 88.500 HIV-positiv getesteten Personen unter einer ART (99 %)cite-ref-5-8-4[8], weltweit etwa 30,7 Millionen.cite-ref-3-7-4[7]
Prophylaxe
Um eine HIV-Infektion zu verhindern, wurde anfangs vor allem auf einen Schutz bei den drei ĂŒblichen Ăbertragungswegen Geschlechtsverkehr, Ăbertragung durch Blutprodukte und intravenöser Drogenkonsum gesetzt.
FĂŒr den Geschlechtsverkehr wird weiterhin âals Grundpfeilerâ der PrĂ€vention von HIV und anderen sexuell ĂŒbertragbare Erkrankungen die Verwendung von Kondomen empfohlen, eingegangene Risiken sollten zeitnah durch einen Test abgeklĂ€rt werden.cite-ref-5-8-5[8] Gelegentlich wird auch Enthaltsamkeit postuliert oder zumindest das Vermeiden von Hochrisikoverhalten.
In den 1980er Jahren bestand auch ein Problem in der HIV-Ăbertragung durch Blutprodukte wie Plasma- oder Bluttransfusionen; dies galt ebenso fĂŒr die Ăbertragung von Virushepatitiden. Daher wurden jahrelang MĂ€nner, die Sex mit MĂ€nnern haben, von Blut- und Plasmaspenden ausgeschlossen. Inzwischen erfolgen direkte Viruskontrollen, die das Ăbertragungsrisiko sehr stark reduziert haben.
In der EuropĂ€ischen Union wurde 2016 ein KombinationsprĂ€parat zweier moderner antiretroviraler Wirkstoffe (Emtricitabin und Tenofovir) unter dem Namen Truvada zugelassen, das ebenso wie Generika zur anlassbezogenen sporadischen Einnahme bei Nicht-Infizierten indiziert ist und die Ansteckungsgefahr bei Geschlechtsverkehr mit einem HIV-Infizierten (dessen Viruslast nicht sowieso bereits durch eine antiretrovirale Therapie reduziert ist) um weitere 92 % reduzieren kann. Seit dem 1. September 2019 ĂŒbernehmen in Deutschland die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten fĂŒr diese PrĂ€expositionsprophylaxe. Jedoch ist diese âPrEPâ-Behandlung noch nicht ausreichend bekannt und laut Deutscher Aidshilfe âdas Potenzial [âŠ] bei Weitem noch nicht erschöpftâ, zumal in Deutschland geschĂ€tzte 10.600 Menschen mit HIV leben, bei denen diese Infektion nicht bekannt ist.cite-ref-grunert-121-0[121]
Aktuell werden 2023 zur weiteren Unterbindung der VirusĂŒbertragung vor allem die folgenden Punkte von Robert Koch-Institut und Deutscher Aidshilfe genannt:cite-ref-5-8-6[8]cite-ref-grunert-121-1[121]
âą Steigerung der Bereitschaft zum HIV-Test mit niederschwelligen Angeboten und freiem Zugang fĂŒr jeden (âAusweitung des Testangebotsâ)
âą Vergabe sauberer Einmalspritzen und freier Zugang zu einer Drogen-Substitutionstherapie auch in Haftanstalten
âą Zugang zur HIV-Therapie fĂŒr alle Infizierten, auch fĂŒr jene ohne gĂŒltige Aufenthaltspapiere und fĂŒr HIV-positive Drogenkonsumenten, von denen 2016 nur 55 % eine antiretrovirale Therapie erhalten haben (entgegen 93 % aller HIV-Infizierten)
âą Vermehrter Einsatz von PrEP und freier Zugang hierzu fĂŒr alle
Meldepflicht
In Deutschland ist der direkte oder indirekte Nachweis von HIV nichtnamentlich meldepflichtig nach § 7 Absatz 3 des Infektionsschutzgesetzes (IfSG).
In der Schweiz ist der positive laboranalytische Befund zum HI-Virus meldepflichtig, und zwar nach dem Epidemiengesetz (EpG) in Verbindung mit der Epidemienverordnung und Anhang 3 der Verordnung des EDI ĂŒber die Meldung von Beobachtungen ĂŒbertragbarer Krankheiten des Menschen.
Impfempfehlungen
WĂ€hrend des Krankheitsverlaufes HIV-positiver Menschen nimmt mit der Anzahl an CD4+-T-Zellen im Blut auch die Abwehrleistung des Immunsystems ab.cite-ref-0-107-1[107] Die StĂ€ndige Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut (RKI) kategorisiert Menschen mit HI-Virus-verursachter ImmunschwĂ€che deshalb als Risikogruppe fĂŒr verschiedene opportunistische Infektionskrankheiten.cite-ref-0-107-2[107]cite-ref-1-122-0[122] ImmungeschwĂ€chte Personen erkranken nicht nur hĂ€ufiger an solchen Infektionen als immungesunde Personen, sondern erleiden auch öfter schwere VerlĂ€ufe.cite-ref-1-122-1[122]cite-ref-2-123-0[123] Beispielsweise haben HIV-infizierte Personen einer amerikanischen Studie zufolge ein zehnmal höheres Risiko an einer invasiven Meningokokken-Infektion zu erkranken als die Allgemeinbevölkerung.cite-ref-124[124]
Die STIKO rĂ€t Betroffenen, die altersentsprechenden Standardimpfungen zu vervollstĂ€ndigen und zu aktualisieren.cite-ref-0-107-3[107]cite-ref-2-123-1[123] ZusĂ€tzlich gibt die STIKO in Zusammenarbeit mit verschiedenen medizinischen Fachgesellschaften eine Reihe von Anwendungshinweisen fĂŒr Indikationsimpfungen bei HIV-Positiven: Insbesondere Totimpfstoffe gelten als gut vertrĂ€glich fĂŒr immungeschwĂ€chte Patienten, da hierbei in der Regel kein erhöhtes Risiko fĂŒr unerwĂŒnschte Wirkungen besteht. Hierzu gehören zum Beispiel Impfstoffe gegen Influenza, Herpes Zoster, Meningokokken der Serogruppen ACWY und B sowie Pneumokokken. Lebendimpfstoffe, zum Beispiel gegen Mumps-Masern-Röteln, Varizellen oder Rotaviren, sind bei immundefizienten Patienten hĂ€ufig kontraindiziert und sollten HIV-positiven Personen dagegen aufgrund möglicher Komplikationen nur nach individueller Risiko-Nutzen-AbschĂ€tzung des behandelnden Arztes gegeben werden.cite-ref-0-107-4[107]cite-ref-1-122-2[122] Zu typischen Reiseimpfungen gehören oft Lebendimpfstoffe, zum Beispiel gegen Gelbfieber. In solchen FĂ€llen empfiehlt sich die frĂŒhzeitige Kontaktaufnahme zu einem Reisemediziner.
Die Immunantwort auf eine Impfung fĂ€llt bei Erwachsenen mit HI-Virus-bedingter Immundefizienz teilweise schwĂ€cher aus oder hĂ€lt kĂŒrzer an als bei immungesunden Personen. FĂŒr eine optimale Immunantwort sollten Impfungen deshalb möglichst vorgenommen werden, wĂ€hrend das Immunsystem unter ART stabil gehalten wird. ZusĂ€tzlich bietet es sich an, die Immunantwort nach einer Impfung mit einer Blutanalyse zu ĂŒberprĂŒfen und gegebenenfalls mit einer Auffrischungsimpfung zu unterstĂŒtzen.cite-ref-0-107-5[107]
Siehe auch
Literatur
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Sonstiges
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⹠Christoph Benn, Sonja Weinreich: HIV und Aids. Eine Krankheit verÀndert die Welt. Lembeck, Frankfurt am Main 2009, ISBN 978-3-87476-586-2.
âą Die wissenschaftliche Fachzeitschrift AIDS Reviews erscheint vierteljĂ€hrlich und veröffentlicht Ăbersichtsarbeiten, die sich mit den verschiedenen Aspekten von HIV und AIDS beschĂ€ftigen.
Weblinks
Wiktionary: HIV
â BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Ăbersetzungen
Commons
: HIV
â Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Deutsch
âą HIV (AIDS) â Informationen des Robert Koch-Instituts
âą Liebesleben.de â Initiative des Bundesinstitut fĂŒr Ăffentliche Gesundheit zur Förderung sexueller Gesundheit mit Informationen und RatschlĂ€gen zur HIV/AIDS-PrĂ€vention fĂŒr junge Menschen
âą Detaillierte und aktuelle Informationen zum Thema HIV auf hivbuch.de
âą DAGNĂ e. V. (Leitlinien und Stellungnahmen der Deutschen Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ărzte in der Versorgung HIV-Infizierter)
âą HIV/Aids, Deutsche Aidshilfe
âą Spektrum.de: NatĂŒrlich immun gegen HIV 1. Dezember 2022
Andere Sprachen
âą HIV-Datenbank (englisch)
Audio
âą 30 Jahre Entdeckung des HI-Virus In: Zeitblende von Schweizer Radio und Fernsehen vom 11. Mai 2013 (Audio)
Einzelnachweise
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